Ich stelle mich vor (6)

Mein Name ist Touran Malaie, ich bin 47 Jahre alt und das jüngste Kind einer großen Familie.

Vor 28 Jahren verließ ich den Iran und kam nach Deutschland. Damals war ich 19 Jahre alt und machte mich von dort aus alleine auf den Weg. Ich machte viele schlechte Erfahrungen und Erlebnisse, wie beispielsweise die Revolution und die Wende der Monarchie zur konservativen Regierung und dem Krieg.ZEIT_19072012_Stadtteilmuetter_066

Mein Abi und eine kleine Tasche, nicht einmal ein Koffer, waren das Einzige was ich mit mir trug. Glücklicherweise kann ich mich neuen und ungewohnten Situationen gut anpassen und fühle mich überall schon nach kurzer Zeit zu Hause.

Ich suchte etwas friedvolles, was ich in Deutschland auch schnell fand.

Hier lernte ich einen wundervollen Mann kennen, der zufälligerweise auch Iraner war. Ich verliebte mich in sein offenes Verhalten und sein wunderbares Verständnis für Menschenrechte und für die Freiheit der Frau. Schließlich heiratete ich ihn und unsere glückliche Ehe schenkte uns vier Kinder.

Meine älteste Tochter ist 19 Jahre alt und studiert im dritten Semester Germanistik und Kunstgeschichte, um später ihrem Ziel, dem Journalismus, nachzugehen. Meine 17-jährige Tochter ist in ihrem ersten Semester und studiert Informationswissenschaften. Unsere zwei Söhne gehen beide noch aufs Gymnasium.

Ich kann mich also sowohl privat, als auch beruflich als eine glückliche Frau sehen, denn nun ernte ich das, was ich bisher sorgfältig und liebevoll gesät habe.

1979 hatten wir eine politische Revolution im Iran gegen den damaligen Schah. Ich war 14 Jahre alt und interessierte mich seitdem sehr für Menschenrechte, denn die Revolution begann quasi auf den Schulhöfen. Freiheit und Frauenrechte sind mir sehr wichtig. Durch meine Toleranz lasse ich auch anderen einen großen Freiraum, erwarte diese Einstellung aber auch von anderen mir gegenüber.

ZEIT_19072012_Stadtteilmuetter_275Auch hier setzte ich meine Aktivitäten für Menschenrechte fort, indem ich mich jahrelang in verschiedenen sozialen Einrichtungen ehrenamtlich engagierte.
Mit diesem freiwilligen Engagement übernahm ich gleichzeitig gesellschaftliche Verantwortung und unterstützte die Zivilgesellschaft.

Vor meiner Teilnahme am Stadtteilmutter-Projekt, war ich ein aktives Mitglied des Vingster Treffs.

Schließlich nahm ich an dem Projekt „KiWi- Kinder Willkommen“ teil. Dieses Projekt wird von der Stadt Köln und vielen anderen Vereinen und Ehrenämtlern unterstützt. Es findet im Rahmen der Weiterentwicklung des Leitbildes „familienfreundliches Köln“ statt.

Während meiner Arbeit dort unternahm ich Hausbesuche und überreichte den Familien ein Willkommenspaket, welches sie über bestehende Regelangebote der Familien- und Gesundheitshilfen in Köln informierte. Das unterstützte ihren Start in das Familienleben. Dazu wurden wir vorher entsprechend geschult.

Zu diesem Zeitpunkt war ich außerdem noch mit voller Freude Integrationslotsin. Dieses Lotsenprojekt war eine Idee des Interkulturellen Referats Köln.
Nach einer dazugehörigen Ausbildung überreichte uns Frau Bredehorst unsere Zertifikate.

Ziel war es die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund zu fördern. Dies geschah im Sinne einer Verbesserung von Zugangs- und Teilhabechancen. Da ich selber Migrantin bin, habe ich mich besonders dafür interessiert.

Ich war in unterschiedlichen Bereichen tätig. Von der Organisation von vielen multikulturellen Frauenfesten und Kulturveranstaltungen, bis hin zur Leitung von Frauengruppen, war ich überall aktiv und mit viel Herz dabei.

Zudem nahm ich an vielen pädagogischen Fortbildungen und Seminaren teil und machte in verschienen Einrichtungen Praktika. So lernte ich verschiedene Arbeitsstrukturen praktisch kennen. Dies war für meinen Beruf als Stadtteilmutter vom großen Vorteil.

Ich sah die Chance dazu und ließ mich in der Volkshochschule ein Jahr lang zur Stadtteilmutter qualifizieren. Zu meinem Glück wurde die christliche Sozialhilfe Köln e.V. unser Träger und ich konnte mein ganzes Wissen sofort in die Arbeit umsetzen.

Als Stadtteilmutter bot ich den Familien an, sich an mich zu wenden, um diese zu Ämtern etc. zu begleiten. Mit zehn Themenbereiche, unter anderem Bildung, Gesundheit, den Übergang von Schule zum Beruf und der Arbeitswelt, besuchte ich die jeweiligen Familien auch zu Hause.

Bisher habe ich schon für mehrere Kinder einen Kindergartenplatz und für einige andere einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz gefunden.

Ich meldete zahlreiche Neuzuwanderer für Integrationskurse an und schickte auch viele Kinder zu internationalen Förderklassen. Zwischen Menschen und Einrichtungen versuchte ich Brücken zu bauen.

Seit vier Jahren bin ich in dem Projekt Mama Mia von der Familienberatung CSH Köln aktiv. Hier betreue und begleite ich junge Mütter und ihren Kindern.

Seit drei Jahren leite ich eine tolle Frauengruppe im interkulturellen Zentrum Buchheim bei der Diakonie. Hier habe ich auch ein Jahr lang einen afrikanischen Nähkurs begleitet und stand ihnen mit Rat und Tat zur Seite.

Ich denke, dass eine wichtige und für mich schöne Eigenschaft der Gedanke an das Gute im Menschen ist. Diese Einstellung gibt mir in der Arbeit und mit den Familien, die ich begleite und betreue, viel Kraft und Ansporn.

Eine weitere gute Eigenschaft ist das Schreiben. Ich dokumentiere alles und mit meinen Notizen kann ich auf wichtige Ereignisse zurückgreifen und lerne für die Zukunft von vergangenen Geschehnissen.

Das Projekt „Mülheim bloggt“ hat mir die Möglichkeit gegeben, unseren Alltag als Stadtteilmutter zu veröffentlichen. Seit zwei Jahren bin ich aktive Mitschreiberin im Blog und werde diesen wichtigen Teil vermissen, wenn es vorbei ist. Ich genieße das Schreiben dafür und die vielen schönen Bilder, die den Blog füllen.

Am liebsten würde ich immer in dieser sozialen Richtung arbeiten, da ich mich, meiner Meinung nach, sehr erfolgreich in diesem Job entwickelt habe.
Ich bin mir sicher, dass sich mein Horizont noch erweitern kann und ich souverän genug, um auch in Zukunft weiter zu machen. Ich könnte eine Bereicherung für Familien sein, die meine Unterstützung brauchen.

Mein größter Wunsch ist es, dass der Beruf als Stadtteilmutter staatlich anerkannt wird und ich die zukünftigen Stadtteilmütter ausbilden dürfte. Dafür sehe ich mich als sehr geeignet und könnte keineswegs auf die Menschen, die meine Unterstützung benötigen verzichten.

Deutschland braucht mehr engagierte Bürger, also braucht Deutschland auch mich!

Touran Malaie
Stadtteilmutter

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