Interview mit einer Fahrradkursleiterin

Das Projekt „Fahrradkurs“ wird im Rahmen von Mülheim2020 finanziert und von den Stadteilmüttern umgesetzt.

Frau Prinz

Frau Prinz, erzählen Sie etwas über sich!
Ich bin 47 Jahre alt, wohne in Riehl und bin alleinerziehende Mutter von 2 Kindern. Außerdem habe ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und war 6 Jahre Geschäftsführerin der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club).

Ich informierte die Leute über das Straßenverkehrsrecht, über Änderungen und über Sicherheitsmaßnahmen für Radfahrer. In der ehemaligen Velo2010-Aktion saß ich mit der Stadt Köln und der Polizei am Runden Tisch, um über Maßnahmen für einen sicheren Radverkehr zu beraten. Zudem habe ich in meiner Tätigkeit als Geschäftsführerin auch schon zwei Mal im Jahr eine Radfahrschule für den ADFC Köln durchgeführt.

FahrradkursWarum haben Sie sich dazu entschieden, Frauen das Fahrradfahren beizubringen?
Mein Ausbilder kommt aus Hamburg und ist Sportwissenschaftler. Er hat vor 25 Jahren das Konzept der Radfahrerschule entwickelt. Die Ausbildung dauert 6 Monate. Wenn man Interesse hat und mehr über das Konzept erfahren möchte, sollte man am besten diese Seite besuchen: http://moveoergosum.de/

Ich fand das Konzept hervorragend, denn die Leute sollten anfangen, sich selbst zu vertrauen und an sich zu glauben, um sicher das Radfahren zu erlernen. Die meisten haben große Angst und werden mit diesem Konzept aber ermutigt. Diese Motivation möchte ich vermitteln.

 

Welche Ausbildung wird benötigt, um als Fahrradkursleiterin tätig zu werden?
Man sollte vorab schon das Fahrradfahren vermitteln können. Man sollte nicht nur reden, sondern alles auch praktisch umsetzen können, damit man möglichst viele Erfahrungen in dem Bereich sammelt. Die Ausbildung dauert 6 Monate. Danach absolviert man eine Prüfung und bekommt die Lizenz, welches vom Bundesverkehrsministerium anerkannt ist.

Mülheim 2013_0551Welche Aufgaben haben Sie? Bringen Sie den Frauen auch das Fahren auf der Straße bei, also auch unter Berücksichtigung der Verkehrsschilder?
Die Frauen sollten zuerst die Namen der einzelnen Teile eines Fahrrades benennen können. Sie sollen lernen, was verkehrssicheres Radfahren bedeutet.

Danach erfolgen 3 Tage, an denen die Frauen Erwachsenen-Tretroller ausprobieren. Auf diesem Roller werden die Ängste abgebaut und das Gleichgewicht wird trainiert. Langsam entschwindet die Angst, das Selbstbewusstsein ist gestärkt und der Schritt aufs richtige Fahrrad erfolgt. 7 Tage lang üben sie mit Fahrrädern. Umgerechnet sind das 20 Stunden Praxis. Anschließend erfolgt die 2-stündige Theorie mit allen Verkehrsregeln.

Zum Schluss werden die Teilnehmer an einem geschützten Ort in Nippes auf dem Verkehrsübungsplatz geprüft. Dort zeigen sie, was sie in den Wochen gelernt haben und bekommen eine Teilnehmerbescheinigung.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf besonders gut und was nicht so gut?
In meinem Beruf lerne ich Menschen aus der ganzen Welt kennen. Das Schöne ist, dass ich Integration in meinem Kurs umsetzen kann. Ich habe die Möglichkeit deutsche Frauen mit Migrantinnen zusammenzubringen, sodass sie sich meist auch privat weiter treffen.

Ich erfülle den Frauen den Traum, endlich Rad zu fahren. Besonders gut daran gefällt mir, dass sich die Damen diesen Schritt selber erarbeiten.

Die Tatsache, dass die Arbeit im Winter nicht so gut läuft, wie im Sommer, gefällt mir nicht so gut. Dafür wäre eine Halle natürlich optimal, leider gibt es keine. Vielleicht kennt jemand eine und kann mir Bescheid geben?!

Wo gibt es Unterschiede zwischen den Frauen und wie lange dauert es, bis eine Frau das Fahrradfahren lernt?
Es gibt immer und überall Unterschiede. Ein Kind läuft mit 12 Monaten, andere vielleicht mit 14 Monaten.

Die Stärke der Angst unterscheidet sich beispielsweise bei den Frauen. Manche sind sehr mutig, manche dagegen weniger. Im Endeffekt beherrschen am Ende alle das Fahrradfahren. Natürlich nur, wenn sie regelmäßig erscheinen (insgesamt 10-mal). Bei Bedarf könnte ich auch mehr Stunden zum Lernen anbieten.

Woran liegt es, dass die Frauen nicht Fahrradfahren können?
Deutsche Frauen in der Nachkriegszeit mussten sich das Recht nehmen Fahrrad zu fahren und haben auch lange dafür gekämpft. Es war nicht selbstverständlich. So entwickelte sich ja auch der Hosenrock. Frauen mussten immer Sätze, wie: „Das kannst du nicht! Das darfst du nicht! Das gehört sich nicht!“ hören. Der Grund ist auch oft kulturell bedingt.

Gibt es auch Frauen, die am Ende des Kurses immer noch nicht fahren können?
In den ganzen Jahren, in denen ich unterrichte, gab es nur einen Fall! Das war jedoch auch gesundheitlich bedingt. Die Frau hatte eine Spastik im Bein.

Was ist mit den Männern? Können die alle Fahrradfahren, oder bieten Sie auch Kurse für Männer an?
Ich habe auch Männer unterrichtet, jedoch verheimlichen es die meistens Männer, dass sie nicht Fahrradfahren können. Sie haben nicht den Mut sich darüber zu äußern und treten auch nicht vor, um es zu erlernen.

Wie haben Sie die Stadtteilmütter kennen gelernt und wie ist Ihre Zusammenarbeit mit den Stadtteilmüttern?

Als ich noch beim ADFC tätig war, hat die damalige Sozialkoordinatorin aus Mülheim Nord Herrn Joachim Schalke von der Verkehrspolizei angesprochen und gefragt, ob man so einen Kurs anbieten könne. Im Oktober 2011 habe ich den ersten Fahrradkurs in Mülheim mit den Stadtteilmüttern gestartet und daraus ergaben sich auch ganz viele andere Stadtteile, wie Vingst, Bickendorf, Buchforst, Nippes und in Zukunft auch Chorweiler. Die Zusammenarbeit lief immer prima. Ich habe große Hochachtung bezüglich der Leistung der Stadtteilmütter. Die Stadtteilmütter möchten, dass die Frauen selbstständig hier in Deutschland ankommen – das ist auch mein Ziel! Der ganze Verkehr funktioniert mit Kommunikation. Kommunikation erleichtert den ganzen Alltag. Beim Fahren muss man immer mit dem Auge kommunizieren. Wir vertreten dieselbe Meinung!
Köln ist eine grüne Stadt, welche ich mit dem Fahrrad erforschen kann. So lerne ich meine Heimat kennen. Unsere Arbeit knüpft zusammen, deswegen läuft die Zusammenarbeit mit den Stadtteilmüttern so gut.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Keinen kalten Winter! Ich wünsche mir außerdem, dass meine Schülerinnen das Fahrradfahren schätzen und lieben lernen. Mein Traum ist ein großes Haus mit einer Halle und ein Hof und vielen Zimmern welches ich an meine Schülerinnen vermieten kann, denn es kommen auch Leute aus Paris, Stuttgart, der Schweiz und Hamburg. Das würde ich mir für die Zukunft wünschen.

Mülheim 2013_0894

Vielen Dank und viel Erfolg!

Touran Malaie
Stadtteilmutter

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s