Interview mit der Stadtteilführerin Frau Marion Müller

Ich arbeite an einer Gesamtschule als Lehrerin. Ich habe vorher in vielen verschiedenen Institutionen und Projekten gearbeitet, sodass das „Lehrerinnen-Sein“ eigentlich eher etwas Neues ist. Vorher habe ich im Integrationsministerium in Düsseldorf gearbeitet und habe jetzt sozusagen von der „Theorie“ in die „Praxis“ gewechselt, da meine Schule einen besonders hohen Anteil an SchülerInnen mit Migrationsgeschichte hat. Die neue Erfahrung schärft meinen Blick auf integrationspolitische Themen. Neben meinen festen Jobs, biete ich schon seit vielen Jahren Stadtrundgänge zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten an, u.a. erzähle ich gerne Geschichten für Kinder. Meinen beiden eigenen Kindern kann ich keine Geschichten mehr erzählen, da sie aus diesem Alter längst heraus sind. Wenn ich nicht arbeite, mache ich u.a. Musik und treibe sehr viel Sport.

Warum sind Sie ausgerechnet Stadtteilführerin geworden? Wie sind Sie darauf gekommen?

Ich bin sozusagen auf einem Umweg dahin gekommen. Ausschlaggebend war ein Besuch des Ortes Röbel an der Müritz in Mecklenburg-Vorpommern ein Jahr nach der Maueröffnung. Dort habe ich an einer „Stadtführung“, der Ort hat nur 5000 Einwohner, teilgenommen. Und das war dermaßen interessant, unterhaltsam und witzig, dass ich mit dem Gefühl nach Hause fuhr, die Geschichte meines Ortes ebenso anschaulich erzählen zu wollen.

 

Welche Aufgaben hat eine Stadtteilführerin genau?

Man könnte meinen, dass es nicht so viel zu sehen/erleben gibt in einem einzigen Stadtteil.

 

Die Aufgaben ergeben sich ein bisschen aus den Themen, die der Stadtteil bietet. Wenn ein Stadtteil eine lange Geschichte und Tradition hat, dann geht es natürlich darum Ereignisse, die für die Entwicklung des Stadtteils maßgeblich waren, aufzuzeigen. Ein Stadtteil hat ja einen bestimmten Charakter, durch die Menschen, die mit einer bestimmten Einstellung, einem bestimmten Gefühl zu ihrem Ort leben.

Da versuche ich die Besonderheiten aufzuzeigen. Eine Frage wäre da, wie sich zum Beispiel das Lebensgefühl in Köln-Lindental von dem der Menschen in Köln-Mülheim unterscheidet. Da findet man Antworten in der Geschichte, aber ebenso in der Gegenwart und da geht es dann teilweise um sozialpolitische Fragen, die sehr brisant sind. Meine Aufgabe sehe ich darin, mit den Menschen, die an einer Stadtführung teilnehmen, über ihre Eindrücke und Erfahrungen im Hinblick auf das Leben im Stadtteil ins Gespräch zu kommen.

Im Übrigen gibt es überall dort, wo Menschen zusammenleben, etwas zu erzählen. Dazu braucht man keinen Kölner Dom oder eine zweitausendjährige Stadtgeschichte wie Köln sie hat. Und wenn es nichts zu erzählen gäbe, dann müssten Geschichten erfunden werden!

 

Möchten Sie für uns kurze Geschichte von Mülheim erzählen?

 

Im Jahr 1098 wird der Ort „Mulenheym“ erstmals urkundlich erwähnt.

Den Namen hat der Stadtteil durch die vielen Mühlen, die am Strundener Bach, der heute unterirdisch kanalisiert ist, lagen. Der Ort ist im Wesentlichen ein kleines Straßendorf am Rhein, das zu dem Regierungsgebiet der Grafen von Berg gehört und nicht, wie die Stadt Köln, dem Erzbischof untersteht.

Im Jahr 1612 wurden Christen aller Konfessionen aufgerufen, sich in Mülheim niederzulassen. Sie erhielten z.B. Anteil an Privilegien der Stadt und das Recht freier Religionsausübung, da die Grafen von Berg zum lutherischen Glauben übergewechselt waren. Der Stadt Köln widerstrebte, das Mülheim eine Stadtmauer für seine neuen Einwohner, die dem Aufruf zahlreich gefolgt waren, bauen wollte und verhinderte, dass 1614 eine Stadtmauer rund um Mülheim gebaut werden konnte. 1714 kamen unter dem Herrscher Jan Wellem erneut viele protestantische Unternehmer, die in Köln keine gleichberechtigte Situation vorfanden, nach Mülheim um hier Unternehmen zu gründen (Tuchhandel, Kupferhandel, Speditionen). Mülheim wird durch diesen Wachstumsschub zur Stadt. 1814 wurde Mülheim auch amtlich zur kreisfreien Stadt erklärt. Es folgten hundert Jahre städtischer Freiheit, die dann mit der Eingemeindung nach Köln im Jahr 1914 endete. Heute ist Mülheim der bevölkerungsreichste Stadtteil von Köln und blickt als Stadtteil zurück auf eine wirtschaftliche Blütezeit, die ab den 1970er Jahren langsam ihren Niedergang fand. Aus dem ehemaligen Industriestandort und Arbeiterviertel ist ein Stadtteil im Wandel geworden.

 

Was gefällt Ihnen an Mülheim besonders gut?

 

Was mir am besten gefällt, ist der Blick von der Mülheimer Brücke über den Rhein auf das Stadtpanorama. Dazu muss ich aber sagen, dass ich jeden Tag Fahrrad fahre und ich die Brücke sehr oft benutze, um in die Innenstadt zu kommen. Ich kann mir kaum vorstellen in einem Stadtteil zu leben, der nicht am Rhein liegt.

 

Was sind die Schattenseiten dieses Stadtteils?

 

Was mir nicht gefällt ist, dass es an vielen Ecken sehr runtergekommen aussieht. Ich mag das überhaupt nicht, wenn überall Müll rumfliegt. Das hat viel damit zu tun, dass sich die Menschen nicht für ihre Umgebung interessieren oder verantwortlich fühlen. Das ist allgemein in Gegenden besser, in denen es mehr Leute mit Wohneigentum gibt. Wohnungsbesitzer möchten ihr Eigentum in einer schönen Umgebung haben und Leute, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht richtig zugehörig fühlen, denen ist das dann eher gleichgültig. Ein bisschen mehr „Wir“- Gefühl könnte vielleicht helfen. Da ist aber die Politik aufgefordert Ideen zu entwickeln, wie man so etwas hervorzaubern kann, ohne dass die Bewohner des Stadtteils über Nacht alle reich werden müssen.

 

Welcher Ort/Platz in Mülheim gefällt den Besuchern am besten?

 

Der alte Ortskern an der Mülheimer Freiheit bis zum Rheinufer wird von allen sehr geschätzt.

 

Würden Sie die Menschen auch durch andere Stadtteile führen wollen?

 

Das mache ich hin und wieder. Es gefällt mir aber mehr, durch einen Stadtteil zu führen, in dem ich selber lebe.

 

Was wünschen Sie sich für Mülheims Zukunft?

 

Es sollte mehr Orte geben, die zu Treffpunkten für die BewohnerInnen werden können. Das können kommerzielle und nicht-kommerzielle Orte sein. Angebote, die die Leute vor die Tür locken und das Zusammenleben attraktiver machen. Es wäre für den Stadtteil sicher auch gut, wenn hier mehr Studenten leben würden. Die sind offener, interessierter und haben oft gute Ideen. Insgesamt wäre es für Mülheim wichtig, dass die Menschen die hier leben, hier eine Perspektive haben und auch persönliche Ziele entwickeln und mit dem Stadtteil verbinden können. Das heißt auf der Ebene der Stadtteilentwicklung, das keine Leute durch zum Beispiel Luxussanierungen aus dem Stadtteil verdrängt werden und die Mieten für sie bezahlbar bleiben. Neue Wohnmodelle sollten angeboten werden, zum Beispiel das Wohnen für mehrere Generationen und mehr genossenschaftliches Wohnen, um die Mieten stabil zu halten. Auf der Ebene des Zusammenlebens heißt das, dass es gut wäre, wenn es sich für den Einzelnen lohnt, sich irgendwo einzubringen oder für eine Sache im Stadtteil zu engagieren. Also, wenn die Leute aufhören würden, ihre Gedanken immer nur in ihren vier Wänden kreisen zu lassen, weil sie merken, dass sie Dinge mit gestalten können und ihnen das etwas bringt. Was das genau bringt, kann jeder nur für sich beantworten.

 

Wie finden Sie das Projekt Stadtteilmütter?

Das Projekt Stadtteilmütter finde ich großartig, weil so viele interessante Frauen zusammen kommen. Sie sind offen, bringen sich ein und stellen passende Fragen. Die Arbeit der Stadtteilmütter sollte noch viel bekannter werden. Gut, dass es sie gibt!

Fr. Müller und STM Fr. Malaie

 

Vielen Dank, dass Sie sich für unsere Blog Zeit genommen haben!

 

Touran Malaie

Stadtteilmutter

 

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